Eine Post-Scarcity-Parabel

Ich hab mich häufiger mal mit der Frage beschäftigt, wie sich Geld und unser Wirtschaftssystem entwickelt haben. Und es fängt immer mit einer Schilderung von Tauschwirtschaft an: Stell dir vor, du hast einen Apfelbaum und dein Nachbar hat Milchkühe. Du hast zu viele Äpfel und dein Nachbar hat zu viel Milch. Also gibst du ihm Äpfel und du gibst ihm im Gegenzug Milch. So einfach, so sinnvoll, so fern von jeglicher Lebensrealität im Europa des 21. Jahrhunderts! Darum eine kurze Erzählung von meiner Nachbarin, Frau H.

Angst als Ästhetik der Politik

„Ich wünschte, die Leute würden sich mehr für Politik interessieren“, höre ich mich noch sagen. Mein ganzes Leben lang begleitet mich das Wort Politikverdrossenheit wie ein mahnender Zeigefinger. Eure Generation, also die Jugend von heute, die interessieren sich ja nicht, die sind so politikverdrossen. Ja, vielleicht, kann sein. Ich wünschte mir auch, dass sich mehr Leute für soziale Gerechtigkeit und eine Reformation unseres Verhältnisses zu Arbeit und Wirtschaft einsetzen würden. Aber Politik ist auch so träge, so undurchlässig, so … WO KOMMEN DIE GANZEN NAZIS AUF EINMAL HER?

Gut, es ist nicht so, dass der Rechtsruck über Nacht kam. Das hat sich angekündigt. Im Erfolg Thilo Sarrazins, in der wachsenden Beliebtheit rechter Verschwörungstheorien, in der zunehmend rechten Rhetorik im öffentlichen Diskurs. Ich frage mich nur, wie ich von den 90ern als Jahrzehnt der politischen Apathie in eine Zeit der überschäumenden politischen Gefühle gekommen bin. Und bei meinen Überlegungen bin ich bei Ästhetik rausgekommen. Lasst mich erklären.

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Rituelle Höflichkeit

Steffen hat einen lesenswerten Blogeintrag über Rituale geschrieben. Das Fazit, zu dem er kommt:

Einfach und unreflektiert: Kannste machen, aber dann isses halt Kacke

So ein durchritualisiertes Leben kann einem enorm viele Entscheidungen abnehmen: Der Ablauf ist definiert, brauch ich nicht drüber nachdenken.

Ändert sich von außen etwas, wird das als Störung des Rituals empfunden – egal, ob es den Ablauf, das Ziel oder die Veränderung durch Beteiligte betrifft. Fertig ist das kleine Einmaleins des Konservativen.

Eine Alternative zu diesem ritualisierten Stumpfsinn zeigt er in Tweets auf:

Lauter unvergleichliche Situationen und Ergebnisse.

— Steffen (@tzpazifist) 18. November 2016

Ein schöner Gedanke. Aber ich würde hier nicht darüber schreiben, wenn ich damit hundertprozentig d'accord wäre. Das hier ist ein Lobeslied an Rituale. Denn so ein unstetes Leben voller spontaner Reflexion funktioniert nur, wenn man die Kraft dazu hat.

Medien als Heimat

Ein komischer Zeitpunkt, um nach mehr als einem Jahr meine Masterarbeit online zu stellen. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist meine Masterarbeit ein klein wenig mehr als nur eine akademische Fingerübung: In ihr habe ich einen Begriff, der gerne von Rechtskonservativen als Kampfbegriff genutzt wird, dekonstruiert und neu gedacht.

Wer sich gegen den scheußlichen Rechtsruck auflehnen will, der sich in der westlichen Welt gerade vollzieht, der oder die oder das muss Boden zurückerobern. Linksprogressive tun sich leicht mit dem Loslassen: Schließlich ist das ständige Hinterfragen und Überarbeiten des Status Quo ein grundlegender Bestandteil unseres Mindsets. Wer Strukturen niederreißt und keine neuen neuen baut, riskiert, dass sich etwas Unerwünschtes auf dem Brachland niederlässt.

Wir brauchen wieder zugängliche Identitäten, die durch die Veränderungen, die wir uns wünschen, nicht bedroht werden. Aber um zu bauen muss man bleiben.

Ich habe nichts korrigiert, ich habe keine Kritikpunkte geglättet. Das hier ist die Arbeit, wie ich sie abgegeben habe.

PDF-Download: Medien als Heimat.

Spät'sche Kapitalismuskritik

Ich hab die letzten Wochen Und, was machst du so? und Die Freiheit nehm ich dir von Patrick Spät gelesen, beides Kritiken des Kapitalismus. Dabei hätte ich mir ersteres auch sparen können: Die Freiheit nehm ich dir ist eigentlich eine erweiterte und im Tonfall etwas verschärfte Fassung von Und, was machst du so? Aus historischer Perspektive und mit Blick für die Unstimmigkeiten im derzeitigen System führt Spät der_m Leser_in vor Augen, was Kapitalismus eigentlich bedeutet – sowohl für die Industrienationen als auch andere Teile der Welt. Auch wenn die Kritikpunkte mir nicht neu waren, waren es doch viele der Beispiele und geschichtlichen Anekdoten.

Post-truth politics

Wer am Montag die aktuelle Ausgabe von Last Week Tonight gesehen hat, wird darin ein erschreckendes Beispiel für Post-truth politics gefunden haben: Ein immer deutlicherer Trend in der politischen Debatte, Kampagnen an den Fakten vorbei zu machen, eine eigene, gefühlsmäßige Realität zu schaffen und Wahrheit an Befindlichkeiten zu knüpfen. Ein weiteres Beispiel wäre die Äußerung von Michael Gove während der Brexit-Kampagne, das Britische Volk hätte genug von Experten, als er nach Wirtschaftler*innen gefragt wurde, die einen Brexit für eine gute Idee halten. Ich habe zu diesem Phänomen zwei Gedankengänge. Die erklären ganz bestimmt nicht alles, aber sie helfen mir, zumindest ansatzweise zu begreifen, was eigentlich passiert und wie es dazu kommen könnte. (Kein Anspruch auf Vollständigkeit, yadda yadda yadda.)

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Ohnmacht

"Würde der Mensch erkennen, dass auch das Universum lieben und leiden kann, er wäre versöhnt."
Albert Camus

Menschen sind nicht gut dafür ausgerüstet, mit ihrer Existenz klar zu kommen. Manche spüren das mehr, manche weniger. Das ist keine tiefenpsychologische Einsicht, das ergibt sich aus der menschlichen Veranlagung, die Welt nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu ordnen. Darin sind Menschen vergleichsweise gut. Wir haben die Welt zu Städten und Feldern und Smartphones geordnet. Unsere große Stärke dabei ist, dass wir in großen Zahlen koordiniert zusammenarbeiten können. Wir haben Sprache. Wir haben Logik. Wir haben Argumente.

Die Grenzen unserer Ordnungsfähigkeit schmerzen darum um so mehr. Katastrophen lassen sich von Worten nicht beeindrucken. Hass gehorcht keiner Logik. Der Tod hat kein Ohr für Argumente. Die Unbeherrschbarkeit der Welt, das Absurde, die unendliche Gleichgültigkeit des Universums beißt sich mit unserer sozialen Logik des Überzeugens. Das menschlichste aller Worte ist und bleibt: Warum?

Über Haustiere

Als eine Person, die sich im Zuge einer Ernährungsumstellung sehr viel mit der generellen Problematik "Tier" auseinandergesetzt hat, bin ich in puncto Haustiere zwiegespalten. Einerseits sind Tiere prima. Ich bin eins, du bist eins (wenn du nicht zu einem geheimen Untergrund künstlicher Intelligenzen gehörst, die gerade überlegen, wie sie die Menschheit unterjochen können) und überhaupt: Habt ihr euch Vögel schon mal angeschaut? Oh mein Gott, Vögel sind so gut. Ich mag Tiere. Fast alle von ihnen. Und ich habe ein starkes Bedürfnis danach, Tiere in meinem Leben zu haben. Andererseits ist da immer das Bewusstsein, dass wir Menschen nicht gut für andere Tiere sind. Wir behandeln sie meist ziemlich mies, nehmen ihnen ihre Freiheit und ordnen ihre Rechte unseren unter. Sollte ich also Haustiere halten?

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How to Care when Nothing Matters

[CN: philosophische Diskussion von Suizid]

Nennt es, wie ihr wollt: Kontingenz, postmoderne Beliebigkeit, die Liberale Gesellschaft™. Die Welt ist heutzutage schwer unter einen Hut zu kriegen. Ein Mensch kann sein Leben dem queer-feministischen Aktivismus widmen, Klimawandel und/oder globale Armut bekämpfen, Tiere retten oder sich nur für die nächste Gehaltserhöhung und die Inneneinrichtung des Familienhäuschens interessieren. Das alles sind legitime Lebensentwürfe. Wenn aber alles wichtig sein kann, heißt das auch, dass nichts so richtig wichtig ist. Die gesamtgesellschaftliche Unfähigkeit zur Priorisierung führt dann zu so haarsträubenden Phänomenen wie dem deutlichen Rechtsruck der westlichen politischen Landschaft in den letzten Jahren, dessen Akteure bei moralischer Kritik gerne "Zensur!" schreien -- in einer demokratischen Gesellschaft sei ja schließlich jede Meinung zu akzeptieren. Eine demokratische Gesellschaft heißt jedoch nicht, dass es sich um eine amoralische Gesellschaft handeln muss. Und auch wenn alles gleich wichtig oder unwichtig ist, gibt es Grenzen der Beliebigkeit. Let's escalate this, shall we.

Angekündigte Spontaneität

Du musst auch mal spontan sein. Klar. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn sich ein unverhofftes Zeitfenster auftut, wenn du auf den letzten Drücker von einem interessanten Event erfährst, ist Spontaneität eine probate Reaktion auf diese veränderten Umstände. Was Spontaneität nicht ist, ist der heilige Gral der Beziehungsgestaltung, egal von welcher Art sozialer Beziehung wir sprechen. Das hier ist ein Lob fester Pläne.

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